Ein Kreuz für Schirwindt

aus GenWiki, dem genealogischen Lexikon zum Mitmachen.

Wechseln zu: Navigation, Suche
Diese Seite gehört zum Portal Pillkallen und hier zur Stadt Schirwindt

von Jean Charles Montigny[1], Schloßberger Heimatbrief[2], 1999, Seite 76.

Schon die Schülergeneration der 50er und 60er Jahre auf unserem Gymnasium in meiner Heimatstadt Emden/Ostfriesland erfuhr einiges vom dem besonderen Schicksal Ostpreußens und seiner Menschen und Ortschaften. Einige Studienräte stammten aus der leidgeplagten deutschen Provinz und erzählten uns immer wieder von den starken Zerstörungen, die während der Schlussphase des 2. Weltkrieges zwischen Memel, Szeszuppe und den Haffs angerichtet wurden. Wir hatten auch einen Lehrer, der aus der Gegend von Stallupönen kam und mehrfach den Namen der Stadt Schirwindt erwähnte.

Wie ganz selbstverständlich saßen wir noch Anfang der 60er Jahre vor der großen Deutschlandkarte in den Grenzen von 1937; heute ist das Zeigen einer solchen Landkarte nicht mehr unbedingt opportun. Und auf einer solchen Karte bekamen wir oft die Namen ostpreußischer Städte genannt und ihre Positionen gezeigt. Die alten Studienräte schwelgten in sehnsüchtigen Erinnerungen über die verloren gegangene Heimat. Für uns war sie fremd, durch die plastischen Erzählungen und durch in unsere Schulzeit herübergerettete, politisch „saubere" Filme der einstigen Reichsbildkammer auch irgendwie nah.

Nach der Schule dachte ich viele Jahre hindurch nicht an die ostpreußischen Städte nördlich der Demarkationslinie. Königsberg kam höchstens in Gestalt der gleichnamigen Klopse und Tilsit durch den Käse in unseren Köpfen vor. Insterburg war uns nur geläufig durch einen jungen Kabarettisten gleichen Namens, mit Vornamen Ingo. Aber Schirwindt? Verloren gegangen in den vielen komplizierten Windungen meines Gehirns, fast vergessen. Selbst als ich dem Kreis Pillkallen/Schloßberg 1973 wenigstens auf 150 km nahe war (wir weilten 1973 mit einer CVJM-Gruppe in Lötzen an den Masurischen Seen), dachte ich nicht mehr an Schirwindt. Unsere Karten der 70er Jahre und auch die polnisch verzeichneten nördlich der Trennungsgrenze nur weiße Flecke mit höchstens einen Namen: „Kaliningrad".

Es sollten noch zwanzig weitere Jahre vergehen, als mir die Bezeichnung der Grenzstadt Schirwindt an der Mündung des gleichnamigen Flusses in die Szeszuppe wieder gegenwärtig wurde. Die nähere Bekanntschaft mit dem 2. Kreisvertreter und Jugendbeauftragten Gerd Schattauer (Wanna/Landkreis Cuxhaven) brachte manches wieder in Erinnerung, was uns unsere alten Lehrer im Nachkriegs-Westdeutschland so wehmütig erzählten.

Im September 1973 stand ich das erste Mal im Kreis Schloßberg, nachdem ich 1991 und 1992 bereits in Labiau und am Kurischen Haff war. Im heutigen Rayon Krasnoznamensk lernte ich auch die Existenz der Grenzsperrgebiete kennen, so beispielsweise auf einer Fahrt nach Schillehnen/Schillfelde (heute Pobedino), wo sich eine Kommandanturstelle befindet und Soldaten jeden ihnen nicht bekannten Wagen kontrollieren, ob auch das besondere Papier zum Erreichen des Sondergebietes vorliegt. „Etwa da liegt oder besser lag Schirwindt", sagte Gerd Schattauer, als wir auf dem ehemaligen Schloßberger Marktplatz am sowjetischen Ehrenmal entlangliefen. Der frühere Lehrer deutete in östliche Richtung. „Aber da dürfen wir nicht ohne weiteres hin und es steht sowie so kaum noch etwas dort." Gerd Schattauer hat inzwischen schon das Gelände der früheren Stadt Schirwindt betreten. Auch etliche andere Deutsche waren schon hier. Die Genehmigung dafür ist umständlich zu bekommen. Es läuft normalerweise über die Kommandantur Gumbinnen.

Vier weitere Jahre gingen ins Land und ich hatte Gelegenheit, wenigstens auf wenige Meter an Schirwindter Stadtgebiet heranzukommen; das spielte sich in der noch existierenden litauischen Nachbarstadt Kudirkos Naumiestis (Neustadt, in zaristischer Zeit noch „Wladislawow") ab. Dort wohnt der Fachschullehrer Antanas Spranaitis und seine Frau, die Geschichtslehrerin Irene Spranaitiene. Spranaitis Vater, ein hochbetagter Mann mit gleichem Vornamen, war in den 30er Jahren Gärtner und Holzarbeiter in Schirwindt. Täglich fuhr er mit dem Fahrrad über die damalige Stahlbogenbrücke als feste Szeszuppeüberquerung von Neustadt zur Arbeit. In knapp 10 Minuten war er schon in der Nachbarstadt. Mit dem Ausweis für den kleinen Grenzverkehr ging die Kontrolle an der Brücke schnell vonstatten. Im Winter konnte man über den zugefrorenen Fluss eine gehörige Abkürzung zum Schirwindter Friedhof nehmen und war zu Fuß zeitlich sogar noch schneller dort. Aber das sahen die Zöllner nicht so gerne.

Antanas Spranaitis junior hat als Kind noch die pfeilschlanken Zwillingstürme der Immanuelskirche von Schirwindt gesehen, ehe sie im Artilleriefeuer zerfetzt wurden. Schirwindt ließ den Litauer nicht mehr los. Während der Sowjetzeit waren historische Erinnerungen oder gar Forschungen bei den Besatzungsbehörden sehr unbeliebt, aber im stillen Kämmerlein trugen er und manche andere aus Neustadt einiges über den Grenzkreis Schloßberg zusammen. „Deren Geschichte ist auch unsere Geschichte", sagt Antanas Spranaitis, „seit dem 15. Jahrhundert haben Preußen und Litauer, so friedlich es ging, nebeneinander gewohnt". Auch Spranaitis weiß, wie wesensverwandt die alten Preußen und die Litauer sind. Man konnte sich bis ins 17. Jahrhundert sogar sprachlich verständigen, ehe die baltisch-prußische Sprache durch die germanische Kultur verdrängt wurde. Spranaitis sammelte Dinge aus den Schirwindter Trümmern und nannte einen Weg entlang der Szeszuppe selbstbewusst „Schirwindter Weg". Ohne den Beschluss des Neustädter Stadtrates abzuwarten, nagelte der Litauer an beiden Enden ein Wegschild in Litauisch und Deutsch an Holzpfosten. Im Keller seines Hauses, nur 300 m von der Grenze entfernt, befindet sich der „Schirwindter Keller" mit seiner Privatsammlung.

Die Neustädter Allee im Jahre 1999 von Schirwindt nach Neustadt (Kudirkos Naumiestis).
Foto: Jean Charles Montigny

Und ich näherte mich Schirwindter Gebiet an der schicksalhaften Brücke, die die Sowjets nach dem Krieg erneuerten, als Litauen noch Sowjetrepublik war und es keine Grenze zum Königsberger Gebiet gab. Aber im September 1997 war die Brücke geschlossen, die Schlagbäume in horizontaler Lage mit Vorhängeschlössern gesichert. Doch ein litauischer Posten war so freundlich, uns bis zur Mitte der Brücke zu lassen. Etwa 40 m weiter beobachteten uns junge russische Grenzsoldaten, ohne zu reagieren. Der Weg „nach drüben" ist so nah und doch so fern. Diese Erfahrung sollte ich eineinhalb Jahre später machen, als ich im April 1999 Antanas Spranaitis mit seiner bislang einmaligen „Holzkreuz-Aktion" begleiten durfte. Der Neustädter zimmerte ein gut 3,50 m hohes schlichtes Kreuz zusammen. „Holz ist eigentlich nicht mein Werkstoff", sagte der Hobbyschmied Antanas zu mir. Aber es gelang ihm genauso gut wie alles andere, was der findige Mann handwerklich anpackt.

Dann war es soweit: Das große sperrige Kreuz kam auf das Dach seines „Opel Kadett"- Kombis und mit zwei Pkw machten wir uns auf den Weg in die russische Exklave Königsberg. Vater Antanas senior wollte auch mit, aber aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und seines Gesundheitszustandes riet ihm sein Sohn ab: „Vater, das wird zu anstrengend."

Spranaitis junior ist gleichzeitig Amateurfunker. Er besitzt sogar eine Lizenz für das Königsberger Gebiet. Von einem Funker aus Kybartai erfuhren wir, dass die Schlange an der Grenze nach Eydtkuhnen/Eydtkau nicht so lang war. Außerdem konnte Spranaitis seine perfekten Russischkenntnisse anbringen und die Grenzbehörden davon überzeugen, dass wir eine „wichtige Zeremonie" in Insterburg vorhatten, die zeitlich nicht aufschiebbar ist. Das Holzkreuz machte bei den Russen – inzwischen sind doch mehr wieder gläubig als man denkt! - Eindruck. Die Abwicklung ging recht schnell und 90 Minuten später waren wir tatsächlich in Insterburg. Wieder kam uns die agile Wendigkeit des Antanas Spranaitis zugute: Die Offiziere in der Kommandantur gaben uns nach 30 Minuten Wartens (für russische Verhältnisse ein „Klacks") das begehrte Papier, mit zwei Pkw und dem Holzkreuz auf Schirwindter Gebiet zu fahren.

Obwohl es gegen 19 Uhr bereits leicht dämmerte (auf russischem Gebiet war es sogar wegen der anderen Zeit bereits 20 Uhr), beschloss der „Konvoi-Chef" Spranaitis: „Komm, wir fahren kurz mal hin". Bis Schloßberg (Dobrovolsk) ging es im einigermaßen normalen Autotempo, aber dann kam die „Landstraße" über Willuhnen in Richtung Schirwindt. Die Schlaglöcher wurden immer tiefer, der feste Straßenbelag (überwiegend „reichsdeutscher" Klinker) wich bald dem notdürftigen Flickwerk der Russen mit Erde. Eine kurze Rast hielten wir, wo einst Willuhnen stand. Am Straßenrand ragten noch Mauerreste zwischen dichtem Buschwerk hervor. Die Kirche? Nein, es waren Fragmente des einstigen Willuhner Ehrenmals vor der Kirche. Alles andere war verschwunden.

Eine Viertelstunde tauchten zwei Kirchtürme auf. Schirwindt? Das kann natürlich nicht sein. Es war vielmehr die mir schon vertraute katholische Barockkirche Peter und Paul von Neustadt, die in der fast untergehenden Sonne wie von Rembrandt gemalt goldgelb zu uns auf die russische Seite herüberleuchtete.

Einige niedrige barackenähnliche Bauten waren dann zu sehen. Wieder junge russische Milchgesichter, die nach den Papieren fragten und uns argwöhnisch musterten. In der Nähe des Platzes, wo einst die Immanuelskirche stand, ein Tor im typisch russischen Blau, ein nicht allzu hoher Wachturm, mehrere junge Männer, teilweise mit AK 42 („Kalaschnikow") ausgerüstet. Einer der Soldaten war der diensthabende Offizier. Der Dialog ging sinngemäß so: „Dobry wetscher, also guten Abend, was wollt Ihr denn hier?" „Wir kommen in amtlicher Mission und dürfen hier dieses Holzkreuz aufstellen". Antanas Spranaitis war auch hier um keine Antwort verlegen. Die Papiere mit den vielen Stempeln und der Tonfall des ehemaligen Soldaten der Roten Armee Spranaitis (dienen mussten fast alle litauischen Männer bei den fremden Herren) machten Eindruck. „Aber jetzt noch? Es ist doch schon fast dunkel." „Nun, wir wollen nur mal die Lage peilen."

Spranaitis deutete in Richtung Osten über die nahe Szeszuppe hinweg und sagte: „Da wohn' ich" und fügte hinzu: „Hier stand mal eine hübsche ostpreußische Kleinstadt." Die jungen Russen - sie alle stammten aus dem Innern der riesigen Föderation - glaubten dies erst, als Spranaitis zur Ansicht Fotos herumreichte, die klar die Lage Schirwindts und Neustadts zeigten. „Ich hab' Euch auch ein Video mitgebracht, das nehme ich morgen wieder mit. Habt Ihr hier ein Abspielgerät?" fragte der Litauer. Ja, einen Videoabspieler habe man in der Unterkunft, um sich mit billigen Unterhaltungsfilmen die Zeit totzuschlagen. Und der mitgebrachte Historienfilm verfehlte nicht seine Wirkung, wie man anderntags merkte.

Nun gut, zum „Holzkreuz-Pflanzen" war es wirklich zu spät. „Spokolny notschy", also „Gute Nacht", wünschte man sich und wir quälten uns mit unseren zwei Pkw wieder im Fahrradtempo zurück zur Fernstraße nach Königsberg.

In Insterburg schliefen wir im Hotel „Zum Bären" an der Tunnelstraße. Nach einem Frühstück hieß es wieder vom „Konvoi-Chef": „Aufgesessen nach Schirwindt!" Das Holzkreuz lag noch gut befestigt auf dem Dach seines Kombis. Da wir eine etwas bessere Trasse von Stallupönen/Ebenrode nach Schirwindt nahmen, nachdem wir einigen Naturalienlohn (frische Brötchen, Mineralwasser, ,,Kenigsbergskaya"-Wodka) eingekauft hatten, konnten wir auf den schlaglochfreien Abschnitten ein wenig schneller fahren. Mitten in der „Walachei" tauchten einige Plattenbauten auf. „Hier wohnen Grenzsoldaten mit ihren Familien", sagte Antanas. Wir holten seinen Freund Iwan Prawaschinskij ab. Das war ein ehemaliger russischer Grenz-Feldwebel mit besten Ortskenntnissen. Er führte uns auch zu einigen deutschen Bunkern, die wie in das Erdreich eingesunkene fliegende Untertassen aussahen. Die Russen hatten in vielen Jahren versucht, sie zu knacken. Doch der „Kruppstahl" und der harte deutsche Beton erlaubte das Vorhaben nie. In einem Bunker sahen wir durch eine Luke ein verrostetes MG. Wer weiß, was sich sonst noch darin befindet! Aber unsere Aufmerksamkeit galt nicht den Wehrmacht-Hinterlassenschaften, sondern der ehemaligen Stadt Schirwindt.

Russische Soldaten helfen beim Ausheben der Grube für das Holzkreuz - geschehen auf dem Boden der Immanuelskirche. Foto: Jean Charles Montigny

Wieder erschien der junge Grenzoffizier auf der Bildfläche: „Der Film war wirklich interessant. Sie können ruhig Ihre Arbeit machen. Aber ich stelle einige Jungs von der Armee für Euch ab." Das war auch gut so, denn die kräftigen jungen Männer erwiesen sich als fleißig und willig beim Helfen. Brötchen und „Wässerchen" taten das übrige. Knirschend bohrten sich die mitgebrachten Spaten in das steinerne Erdreich. Wir befanden uns etwa dort, wo der Altar der Immanuelskirche stand. Das Fundament der Kirche ist noch deutlich als eine leichte rechteckige Anhöhung auszumachen. Alles andere, was ringsum stand, ist nahezu verschwunden. Lediglich ein Teil der Soldatenunterkunft stammt noch von früher, wenngleich baulich stark verändert. „Das muss die Post gewesen sein", mutmaßte Spranaitis.

Wir hatten auch Fundamenteisen, Zement, Sand und sogar Wasser mitgebracht. Am Rande des Kirchengeländes wurde gemischt, das Standeisen ans Kreuz geschraubt und ein Foto unter Folie von der einst so stolzen Immanuelskirche angebracht. Dann kam der große Augenblick: Das Kreuz senkte sich in den Kirchenboden, wurde noch ein wenig gerichtet und stand dank der guten Vorarbeit von Antanas sowie der Hilfe seines russischen Freundes und der jungen Soldaten wie einst Martin Luther „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!" Ich sprach ein Vaterunser und beobachtete dabei aus den Augenwinkeln, das sich die Lippen selbst der Soldaten leise dabei bewegten. Bei einem meinte ich sogar festgestellt zu haben, dass er nach dem Gebet andeutungsweise das Bekreuzigungszeichen der Orthodoxen machte. Die Aprilsonne stand hoch im blauen Himmel über Schirwindt, das nur noch in den Köpfen von Antanas und von mir existierte; für die Russen blieb unsere Aktion eher ein Tun mit abstraktem Hintergrund. Vom Kreuz ging in der Sonne ein eigenartiges Strahlen aus. Meine Gedanken schweiften kurz ab zurück in die Zeit, als es in Schirwindt kleinstädtisch-friedlich zuging. Was mag wohl der Herr Pastor für einer gewesen sein? Wie klang die Orgel? Wo etwa stand der Chor, wenn er sang?

Schirwindter Soldatenfriedhof, 1999, Foto: Jean Charles Montigny

Aber Antanas hatte noch mehr vor. Wir wollten die Zeit unserer Besuchsgenehmigung in diesem ansonsten streng abgeschirmten Gebiet nutzen. Der Schirwindter Friedhof sah wüst aus. „Barbaren" , meinte Spranaitis nur kurz, als er die vielen abgehackten Bäume und die große Unordnung sah. Das müsse wohl erst im vergangenen Winter passiert sein. In ihrer Not hatten offensichtlich die von ihren vorgesetzten Dienststellen fast vergessenen Soldaten im kalten Winter Bäume und Buschwerk verheizt. Aber ein früher hier von dem Litauer aufgestelltes kleineres Kreuz ließen sie Gottseidank unangetastet. Am einstigen russischen und deutschen Soldatenfriedhof der Gefallenen aus dem 1. Weltkrieg wurde ebenfalls kein Sakrileg begangen: Auch dort standen die von dem rührigen Mann aus Neustadt aufgestellten Kreuze noch. Selbst seine deutschsprachigen Schilder mit Hinweisen auf die einstige Stadt Schirwindt sind noch vorhanden. Dann kam ein weiterer Höhepunkt:

Wir fuhren gemächlich mit unseren beiden Autos die Neustädter Allee zur Szeszuppebrücke. Die dortigen Soldaten - wieder fast im Backfischalter - rieben verwundert die Augen. Aber ein kurzes Gespräch per Feldtelefon zur Wachstube in Schirwindt und unsere Papiere machten klar: Die dürfen das. So näherten wir uns nicht nur der Brücke, sondern standen fast darauf. Nur noch etwa 10 m trennten mich von der Mitte, wo ich 1997 mit dem litauischen Posten auf die jetzt russische Seite blickte. Ich wollte auch fotografieren, aber da spielten die Soldaten erst nicht mit. Schließlich sagten sie, ich soll das mal ganz schnell erledigen und drehten ihre Köpfe weg. So hatte ich denn, wie ich denke, ganz dichte Exklusivaufnahmen von Naumiestis, gesehen vom Schirwindter Gebiet aus. Wäre die Brücke offen, könnten wir in tatsächlich 120 Sekunden bei Antanas zu Hause sein!

Ein Kreuz für Schirwindt. Tafelinschrift, deutsch und russisch: „1856 -1944 Hier stand Immanuelskirche der Stadt Schirwindt."
Foto: Jean Charles Montigny

Aber der Weg führte uns zwangsweise wieder zurück ins Innere des einstigen Kreises Schloßberg. Als Mitbringsel für seine „Schirwindter Stube" hatte der Litauer eine kleine Eisenkurbel mit Gestänge im Kofferraum. Dies war das Gerät, um früher am Hotel, dessen Name der Schirwindter Aufbau-Patenstadt Bremen gewidmet war, die Stoffjalousien herunter- bzw. hinaufzukurbeln. Er fand es im zertrümmerten, ansonsten völlig geplünderten Keller des einstigen Hotels. Antanas Spranaitis setzte seinen russischen Freund wieder in der Soldatensiedlung 10 km östlich von Schloßberg ab, dann schlugen wir einen anderen Weg in Richtung Norden ein, kamen an völlig versteppten Feldern vorbei, aus denen dann und wann bröckelnde Betonbauten der Sowjetarmee ragten. Ein Hochbau erwies sich als ehemalige Zuschauertribüne für Panzergefechtsvorführungen. Hier standen bis in die späten 80er Jahre Sowjetgeneräle, Politrucks der Partei und andere wichtige oder wichtigerscheinende Leute, um die kettenrasselnden Stahlkolosse bei ihren Manövern zuzusehen. Später landeten wir in Schillehnen. Wir meldeten uns bei der dortigen Kommandantur ab, besuchten eine Viertelstunde auf eine Tasse Tee Frau Jelena Sasse in ihrem Cafe „Haus Winsen" in Krasnoznamensk (Lasdehnen/Haselberg). Schließlich führte der Weg zurück nach Naumiestis, wo ich noch zwei Tage Zeit hatte, die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Eine Kurzversion von der Holzkreuz-Aktion ist vor Monaten im „Ostpreußenblatt" erschienen. Für den „Heimatbrief" durfte ich etwas „ausholen" und hoffe, dass die Schilderungen nicht ermüdend wirken, sondern zeigen, wie es einem ergeht, der weder aus Schirwindt noch aus dem Kreis Schloßberg stammt (ich bin Jahrgang 1949), keine ostpreußischen Verwandten hat und trotzdem seit der ersten Begegnung vor nunmehr 26 Jahren mit dem Besuch der Masurischen Seenplatte dieses Ostpreußen kennen lieben gelernt hat. Elbing, Marienburg, Allenstein, Königsberg, Rauschen, Nidden, Heydekrug, Memel, Trakehnen, Labiau, Tapiau, Insterburg, Frauenburg, Lyck, Lotzen, Tilsit, Lasdehnen/Haselberg, Schirwindt... - wo war ich eigentlich noch nicht? Ach ja, Heinrichswalde, Goldap, Friedland und einige andere Städte fehlen mir noch. Aber im April 2000 stehe ich hoffentlich erst einmal wieder auf dem zugewachsenen Fundament der Immanuelskirche. Das Holzkreuz muss doch noch einige kräftige Drähte bekommen, damit es noch in etlichen Jahren verkünden kann „Hier stehe ich..."! –

Zurück zum Portal Schirwindt
Zurück zum Portal Kudirkos Naumiestis

Fußnoten

  1. Jean Charles Montigny, * 20. Juni 1949, † 17. Mai 2016
  2. Kreisgemeinschaft Schloßberg/Ostpr. e.V. in der Landsmannschaft Ostpreußen e.V., Rote-Kreuz-Straße 6, 21423 Winsen/Luhe. Die Genehmigung für die Veröffentlichung in GenWiki im „Portal Pillkallen“ unter der Auflage der ausschließlich nicht-kommerziellen Nutzung liegt schriftlich vom 19.03.2011 vor.
Persönliche Werkzeuge